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12. Dezember 2009

Wofür es sich zu arbeiten lohnt...

Wie ihr hoffentlich alle am Freitag im Laufe des Tages mitbekommen habt, ist der Erstflug des A400M erfolgreich verlaufen. Vielleicht vorneweg noch eine Erklärung, an welchem (kleinen) Teil des Flugzeuges ich beteiligt war. Die MTU entwickelt zusammen mit 4 anderen Firmen das Triebwerk des A400M. Die Software für die Triebwerkssteuerung wird komplett von MTU hier in München entwickelt. Diese Steuerung wird von drei Teams entwickelt: Hardware (die machen im Wesentlichen das Gehäuse und die Platinen, auf denen dann die verschiedenen Chips sitzen); Systems (die kümmern sich um das Zusammenspiel aller Komponenten und haben das Gesamtkonzept und die Logik entwickelt) und letztendlich Software (das sind die Programmierer).

Ich bin der Konfigurationsmanager für dieses Team von gut 120 Leuten. Die Regler-Software besteht aus 5 Komponenten; zu jeder einzelnen Komponente gehören bis zu 15.000 einzelne Dateien, aus denen sich die Software zusammensetzt. Meine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass jeder Entwickler zu jedem Zeitpunkt in die Lage versetzt wird, jede einzelne dieser Dateien zu identifizieren, im System zu finden, nach von mir definierten Regeln zu ändern. Zu den 15.000 Dateien, kommen am Ende nach einmal dreifache Anzahl von Testdateien, Testscripts und Testergebnissen. Alle Dateien müssen archiviert werden und im Fall einer Untersuchung den Behörden auf Verlangen vorgelegt werden. Für eine bestimmte Version der Software sind nicht immer alle Dateien notwendig. Wir haben in unserem System zur Zeit insgesamt ca. 400.000 Dateien, die nach bestimmten Regeln zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einer bestimmten Softwareversion gehören. Im September haben wir zum Beispiel die Softwareversion an Airbus geliefert, die jetzt aktuell die Triebwerke beim Erstflug gesteuert haben. Das Ganze nennt man dann Konfigurationsmanagement und ich bin der Software Configuration Manager für dieses Triebwerksprojekt. Ich muss auch dafür sorgen, dass Änderungen nur von dazu befugten Personen durchgeführt werden und diese Änderungen aber auch jeder Zeit nachvollziehbar sind.

Vor etwa 10 Tagen wurde als möglicher Termin für den Erstflug der Zeitraum 7. bis 12. Dezember genannt. Am Anfang der Woche war dann in einem Artikel im Handelsblatt zu lesen, dass Airbus den 11. Dezember Vertretern der verschiedenen Bestellernationen als Termin für den Erstflug genannt hatte. Am Donnerstag verdichtete sich dann das Gerücht, dass der Erstflug tatsächlich am Freitag stattfinden würde. Am Nachmittag kam dann über hausinterne E-Mail die Einladung zu einem "public viewing" des Erstflugs. Dazu wurde in einer großen Montagehalle auf dem MTU-Werksgelände eine große Leinwand aufgebaut. Insgesamt haben etwa 500 Mitarbeiter diese Übertragung live verfolgt.

Um 9:30 Uhr sind wir zu der Halle gelaufen, wo die Live-Übertragung auf der Leinwand schon lief. Das Ganze war sehr professionell vorbereitet, es waren Bänke aufgestellt, es gab Getränke, die Audio und Videoanlage machte einen sehr guten Eindruck. Für mich war es schon ein eigenartiges Gefühl. Während andere Mitarbeiter jetzt schon seit sieben Jahren an der Entwicklung beteiligt waren, bin ich ja erst seit August diesen Jahres dabei. Es gab im Laufe des Projektes wohl einige Hochs- und Tiefs, aber insbesondere dieses Jahr um Juli und dann natürlich im November waren besonders "heiße" Phasen des Projektes. Zu diesen Zeitpunkten wurde die Softwareentwicklung durch die europäische Luftfahrtbehörde abgenommen. Ich habe es ja schon einige Male erzählt. Bei dieser Abnahme durch die Behörden geht es darum, festzustellen, wie die Software entwickelt wird. Dazu muss man der Behörde nachweisen, dass man nach einem bestimmten, vorher festgelegten Plan arbeitet, sich an diese Pläne hält, die Mitarbeiter entsprechend geschult hat, die Ergebnisse der verschiedenen Entwicklungsphasen immer wieder (zum großen Teil durch unabhängige externe Prüfer) prüft, und letztendlich alle Teile der Software prüft und auch die Testergebnisse noch einmal auf Plausibilität prüft. Wenn die Luftfahrtbehörde den Eindruck bekommt, dass hier nur eine Gruppe von "genialen Hackern" unkontrolliert arbeitet, dann wird die Software nicht zertifiziert und das Flugzeug darf mit diesem Triebwerk nicht starten.

Und obwohl ich erst seit vier Monaten dabei bin, war ich trotzdem sehr gespannt, wie jetzt der Start ablaufen würde. Ich habe mittlerweile viele Kollegen kennen gelernt, die seit langem in der Luftfahrtindustrie arbeiten und schon andere Erstflüge erlebt haben. Es gibt Kollegen, die den Tornado mitentwickelt haben, der in den siebziger Jahren seinen Erstflug hatte. Einige Kollegen aus meinem Büro haben an verschiedenen anderen Hubschrauberprojekten mitgearbeitet, aber auch am Eurofighter. Und diese haben dann erzählt, dass die Rakete Ariane 5 beim Erstflug kurze Zeit nach dem Start aus Sicherheitsgründen gesprengt werden musste, da das Navigationssystem versagt hatte. Es gibt wohl kein militärisches Entwicklungsprojekt, bei dem in der Entwicklungsphase nicht mindestens ein Flugzeug / Hubschrauber abgestürzt ist.

So wurde es in der großen Halle dann doch sehr schnell relativ still, als sich der große A400M kurz vor 10:00h in Bewegung setzte und in Richtung Startbahn rollte. Kurz zuvor hatten Kollegen erzählt, dass noch am Vortag diskutiert wurde, den Erstflug auf Samstag zu verschieben. Dieser Prototyp ist zur Zeit auf dem Flughafen von Sevilla in Spanien stationiert. In Sevilla soll später der größte Teil der Endmontage des A400M erfolgen. Angeblich hatte der spanische König einen anderen wichtigen Termin am Freitag, der eine Teilnahme verhindert hätte. Und ohne den König geht wohl gar nichts in Spanien. Aber irgendwie hat es dann offensichtlich doch noch geklappt und der Termin wurde nicht verschoben. Ein anderer Grund für die Verschiebung hatten natürlich auch schlechte Wetterbedingungen sein können. So darf der A400M seinen Erstflug nur bei wirklich optimalen Wetterverhältnissen durchführen.

Die Kameras zoomten von der Seite in das Cockpit und man konnte sehen, wie die Piloten offensichtlich damit beschäftigt waren, noch an verschiedenen Stellen im Cockpit irgendwelche Schalter zu bedienen. Mittlerweile war es 10:15h. Jetzt wurde ich dann auch etwas nervös, wie vor einer Prüfung in der Schule oder der Uni. Alle Mitarbeiter in dieser großen Halle bei der MTU starren seit 20 Minuten gebannt auf die Leinwand. Dann zeigte eine andere Kameraeinstellung das Flugzeug von hinten und die lange Startbahn vor dem Flugzeug ist erkennbar. So konnte man auch die Propeller erkennen, die sich scheinbar langsam in eine Richtung drehten. Und dann plötzlich das letzte laute Raunen an diesem Tag - die Drehrichtung der Propeller schien sich zu verlangsamen und ging erst langsam und dann immer schneller in die andere Richtung - ein ganz klares Indiz, dass die Drehzahl der Propeller deutlich geändert worden war. Kameraschnitt und jetzt die Einstellung von schräg von vorne. Der A400M bewegt sich, nimmt erst langsam, aber dann doch immer schneller Fahrt auf. Nach eigentlich vergleichsweise kurzem Weg nimmt das Flugzeug die Nase hoch, das Bugrad hebt ab und sofort danach ist der ganze Vogel in der Luft, in der Halle wird erst leise Beifall geklatscht, dann ganz laut, und verschiedene Leute stehen vor Begeisterung auf.

 

Der A400M fliegt!

Das Flugzeug fliegt mit den vier Triebwerken, die die MTU entwickelt hat, die von der Software gesteuert wird, die die Abteilung für die ich arbeite, programmiert hat und wo ich seit August damit beschäftigt bin, sicher zu stellen, dass diese Softwareentwicklung geregelt abläuft.

Toll!

Dann verschwindet der A400M aus der Reichweite der Kameras und die Übertragung des Erstfluges wird beendet. Natürlich hat sich mittlerweile die gesamte Anspannung gelöst. Es wirkt alles so einfach. Man ist versucht sich zu fragen "Und was war jetzt das große Problem?"

Später haben wir erfahren, dass der Flug knapp vier Stunden gedauert hat; eigentlich waren nur 3 Stunden geplant gewesen; aber das ist ein gutes Zeichen. Es hat offensichtlich keine großen gravierenden Mängel gegeben. Allerdings werden nach und nach dann die Berichte von den laufenden Tests bei uns eintrudeln - unter anderem deswegen bin heute wieder in München und arbeite.

PS. Später haben wir erfahren, dass ein Motor im Verlaufe des Fluges ein Problem hatte und aus Sicherheitsgründen in den Leerlaufbetrieb ging. Man hat sich dann offensichtlich nicht getraut, den Motor während des Fluges einfach wieder neu zu starten. Wenn man also bei der Landung ganz genau hinschaut, dann kann man sehen, dass die Propeller eines Triebwerkes eine andere Blattstellung haben und nur durch den Windfahneneffekt angetrieben werden. Es wäre ja schon peinlich gewesen, in Anwesenheit des Königs mit nur drei rotierenden Propellern zu landen...